Flohmärkte verübten schon immer eine magische Anziehungskraft auf mich. Nicht die üblichen Gebrauchsgegenstände, welche die Leute meist zu Recht aus den Kellern und Dachböden ihrer Häuser verbannen interessieren mich, sondern meine Neugier wecken Bücher, Fotoalben, Karten, Gemälde, Briefe, einfach alles was eine Geschichte erzählt, schaut man nur aufmerksam hin. Aus diesem Grund besuchte ich an einen herrlichen Spätsommertag zusammen mit meiner Freundin einen Flohmarkt am das Ostufer des Wörthersees. Wie immer bereitete mir das Stöbern zwischen den schier endlosen Tischreihen Freude, und nach einiger Zeit entdeckte ich etwas, das für jemanden, der an Geschichte und an Reisen Geschmack findet so gut wie unwiderstehlich ist. Einen österreichisch ungarischen Handatlas aus dem Jahre 1908, den ein sympathischer Steirer im Angebot hatte. Schnell wurde man sich über den Preis einig, doch als ich mich schon verabschieden wollte, präsentierte mir der geschickte Händler einen weiteren Gegenstand aus seinem Sortiment. Eine Schachtel, vermutlich vor langer Zeit zur Aufbewahrung von Schuhen konzipiert quoll vor lauter alten Karten und Briefen fast über. An den Briefmarken und Poststempel erkannte ich, dass diese Sendungen wohl mindestens ein Jahrhundert alt sein mussten. Meine Neugier war geweckt, doch diesmal gestalteten sich die Preisverhandlungen bedeutend schwieriger. Nicht, dass ich dem Verkäufer den Betrag nicht gegönnt hätte, doch leider war das Budget, welches ich dem Kind in mir jeden Monat für Hobbies zugestehe schon fast erschöpft. Da die Kluft zwischen den Preisvorstellungen zu groß war machte ich mich mit dem in meinen Händen immer schwerer gewordenen geographischen Nachschlagewerk auf die Heimreise. Von wegen Handatlas, spätere Messungen ergaben ein Gewicht von 6,4 Kilogramm!
Am Abend, den ich für einen vergeblichen Versuch nutzte, für meine schwere kartographische Lektüre einen passenden Platz im trauten Heim zu finden ertappte ich mich dabei wie meine Gedanken immer wieder zu dem verheißungsvollen briefgefüllten Behälter schweiften. Mit den erwachsenen Gedanken an das für dieses Monat schon ausgereizte Hobbybudget und dass man(n) ja nicht allen Verlockungen nachgeben muss ging ich zu Bett, weniger reif befand ich mich am nächsten Tag im Auto unterwegs Richtung Wörthersee. Zwar kam ich mir wegen der nicht vorhandenen Disziplin wie ein dummer Junge vor, doch die Vorfreude überwog. Zum Glück fand der Flohmarkt das gesamte Wochenende statt, doch leider versagte im Gewirr aus Menschen und Trödel mein ansonsten recht guter Orientierungssinn zur Gänze. Vielleicht hätte ich mir zur Unterstützung meinen Atlas mitnehmen sollen. Von dem Monstrum aus hätte man bestimmt eine gute Übersicht gehabt.
Als ich endlich den richtigen Stand entdeckte, stand zum Glück auch der verlockende Briefbehälter noch auf seinen seit gestern falsch gewordenen Platz. Der nette Händler war nicht nur amüsiert über mein Wiedererscheinen, er war auch gnädig beim Feilschen und so wandelte diese verheißungsvolle Schachtel doch noch in meinen Besitz.

