
Beklommen lese ich die verwackelten Worte, welche das Schreiben während einer Bahnfahrt unausweichlich mit sich bringt. Was war geschehen? Betroffenheit und Anteilnahme haben den jugendlichen humorvollen Schreibstil verdrängt. Das gesittete „Sie“ ersetzt nun das vertrauliche „Du“. Was war mit Ferdinand geschehen? Empfehlungen richten sich nicht mehr an die geehrten Eltern, nur mehr an die Frau Mama. Arme Felicie. Der schmerzvolle Verlust des Vaters verkürzt entstellend die bevorstehenden Feiertage zu Tage. Tage, an denen dieser mitfühlende Brief ihr bestimmt ein kleiner Trost gewesen ist. Es zeugt von Einfühlungsvermögen und Reife, in der Euphorie des Heimkommens nicht auf das seelische Leid seiner Mitmenschen zu vergessen. Wie alt war Ferdinand damals? Vor diesem Brief hätte ich ihn um einige Jahre jünger eingeschätzt.
Und warum hat sich das Anredepronomen so plötzlich verändert? Distanziertheit schließe ich als Grund aus, immerhin hat er anscheinend in diesem Jahr viel Zeit bei Felicie in Wien verbracht. Auch seine aufrichtige Anteilnahme an ihrem Kummer lassen mich keinen Bruch zwischen ihnen vermuten. Vielleicht hängt es mit dem Erreichen eines bestimmten Lebensalters zusammen? Schwer zu sagen, denn seit 1911 haben sich einige gesellschaftliche Wandel vollzogen. Nicht einmal Freiherr Knigge, den ich im Internet um Rat frage kann mir posthum eine eindeutige Antwort auf die Frage, ab welchem Alter man eine Baronesse siezt geben. Naja, immerhin warten noch über dreihundert Briefe von Ferdinand, welche mir eventuell darüber Aufschluss geben können.

